Lokalgeschichte erfahrbar machen

Projekt des Stadtarchivs Albstadt und der Walther-Groz-Schule weckt das Interesse an der eigenen Stadtgeschichte.

Die Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland war ein schrittweiser Prozess, der zu großen Teilen nur aufgrund der Mittäter- und Mitläuferschaft einer breiten Masse funktionieren konnte. Die Gleichschaltung, die Diskriminierung und Verfolgung von Andersdenkenden und Minderheiten ereignete sich nicht nur in großen Städten, sondern auch direkt „vor der eigenen Haustür“. Wie sich die nationalsozialistische Diktatur im Raum Albstadt auf der Südwestalb konkret auswirkte, darin sollten die ca. 90 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 1 des beruflichen Gymnasiums der Walther-Groz-Schule (WGS) im Rahmen des Geschichtsunterrichts im zweiten Schulhalbjahr Einblicke erhalten.


Abb.: Evaluationsgespräch im Lesesaal des Stadtarchivs durch Ulrich Hausmann, Larissa Freudenberger, Annemarie Mayer und Nils Schulz (v.l.n.r.; Foto: Anja Gerling)

Hierzu ermittelten die drei Geschichtslehrerinnen und -lehrer der WGS – Larissa Freudenberger, Annemarie Mayer und Ulrich Hausmann – zusammen mit dem Leiter des Stadtarchivs Albstadt Nils Schulz spannende Quellen und stellten Materialpakete zusammen, die Aufschluss über dieses einschneidende Kapitel der Stadtgeschichte geben. Die Schülerinnen und Schüler gestalteten auf dieser Grundlage in Freiarbeit, unterstützt durch ihre Fachlehrkräfte, Fachplakate in Kleingruppen und übten sich in der wissenschaftlichen Herangehensweise an verschiedene Quellenarten wie Postkarten, Protokolle, Briefe, Zeitungsartikel und Bildquellen. Die Themenbereiche erstreckten sich von Zeitungsanalysen zum politischen Extremismus der ausgehenden Weimarer Republik und der beginnenden NS-Herrschaft über die Verfolgung von Minderheiten und Andersdenkenden, der Gleichschaltung auf kommunaler Ebene bis hin zum Kriegsende auf lokaler Ebene.


Abb.: Vorstellung der Plakate durch die Schüler im Geschichtsunterricht (Foto: Larissa Freudenberger)

Zu Beginn des Projektes kamen die Schülerinnen und Schüler in den Genuss einer abwechslungsreichen Archivführung im Stadtarchiv Albstadt. Anhand von acht Beispielen von Objekten, die verschiedene archivische Arbeitsbereiche repräsentierten, kam Archivleiter Schulz mit den jungen Erwachsenen spielerisch ins Gespräch. Natürlich durften jederzeit Fragen gestellt werden, sodass ein fruchtbarer Austausch entstand. Mit am wichtigsten erachtet Schulz den archivischen Arbeitsbereich der historischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit: Ohne das Kommunalarchiv als Gedächtnis der Stadtverwaltung und seiner Bürgerinnen und Bürger sei eine fundierte historische Vermittlung und eine kritische Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte und damit der eigenen Vergangenheit nur schwer möglich, ist es doch das Stadtarchiv, in dem die identitätsstiftenden Archivalien und damit die Spuren der Vergangenheit für die Nachwelt sicher verwahrt werden. Einige der einzigartigen Unikate aus der abwechslungsreichen und interessanten Historie der einst neun selbstständigen Albstädter Stadtteile präsentierte Schulz den Schülerinnen und Schülern und weckte so deren Neugier.


Abb.: Vorstellung der Plakate durch die Schüler im Geschichtsunterricht (Foto: Larissa Freudenberger)

Am Beispiel des unverwechselbaren kommunalen Notgeldes Ebingens und Tailfingens aus der Zeit der Hyperinflation im Herbst 1923 wurde eine Brücke zur inflationsgeplagten Gegenwart geschlagen. Doch was hatte es mit diesem Notgeld auf sich? Aufschluss darüber gab die mit Abstand wichtigste kommunale Archivaliengattung – das Gemeinderatsprotokoll, in dem sich die zähen Verhandlungen angesichts der einschneidenden Wirtschaftskrise manifestierten. Inflationsgeld spielte nicht nur in den 1920er-Jahren eine große Rolle, sondern auch genauso in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. So konnte der Archivleiter den Schülerinnen und Schülern auch einen württembergischen Hirschgulden aus dem Jahr 1623 vorlegen, der gewöhnlich im Heimatmuseum Ebingen ausgestellt wird.

Neben den bereits genannten Ratsprotokollen wurden ebenfalls Inventuren und Teilungen aus dem 19. Jahrhundert, eine Akte samt zeitgenössischen Werbeplakaten zu Kriegsanleihen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, ein Zeitungsartikel aus dem Revolutionsjahr 1848, Karten und Pläne des Stadtgebietes, das Kopialbuch des Heilig-Geist-Spitals aus dem 15. Jahrhundert und Personenstandsregister am Beispiel des bekanntesten Sohnes der Stadt – Bundeskanzler und Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger – vorgestellt. Darüber hinaus stellten eine vom österreichischen Erzherzog ausgestellte Urkunde aus dem beginnenden 15. Jahrhundert sowie die Städtepartnerschaftsurkunde zwischen Albstadt und Chambéry aus dem Jahr 1979 die Bedeutung von Urkunden eindrucksvoll zur Schau. Aus der NS-Zeit wurden den jungen Erwachsenen Relikte des Widerstandes und der Gleichschaltung gezeigt: die gebundenen Ausgaben der kommunistischen Wochenzeitung „Die Rote Bombe“ aus den Jahren 1932/33 einerseits sowie ein Eintrag des gleichgeschalteten Tailfinger Gemeinderates im Goldenen Buch der Stadt vom 1. Mai 1933 und Fotografien der ersten Sitzung des gleichgeschalteten Ebinger Rates andererseits.


Abb.: Vorstellung der Plakate durch die Schüler im Geschichtsunterricht (Foto: Annemarie Mayer)

Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Die Schülerinnen und Schüler konnten als Experten für ihren Themenbereich aus der NS-Zeit den Klassenkameraden anhand ihrer kreativ gestalteten Fachplakate anschaulich erläutern, wie im Raum Albstadt von wem und wo Geschichte geschrieben wurde. Dieses Projekt leistete einen wichtigen Beitrag zur politischen Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler und wird im neuen Schuljahr fortgesetzt.

Kontakt:
Stadtverwalltung Albstadt
Nils Schulz M.A.
Leitung des Stadtarchivs
Johannesstr. 5
72458 Albstadt
Telefon: 07431 – 160-1135
Fax: 07431 – 160-1480
nils.schulz@albstadt.de
www.albstadt.de

Quelle: Stadtverwaltung Albstadt, Autoren: Larissa Freudenberger, Nils Schulz, 17.8.2023.

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